Moderne Industrieböden verhindern Betriebunfälle

Industrieböden
Sicher und sauber: Anforderungen an Industrieböden von Dr. Christoph Esser

Mit 30% ist die Quote der Sturzunfälle als Ursache für den Tod eines Menschen unerträglich hoch und nicht akzeptabel. Die Vermeidung von Stolper- und Sturzunfällen ist somit aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen eine wichtige Aufgabe der betrieblichen Unfallverhütung. Die Gestaltung und Pflege der Fußböden spielt hier eine entscheidende Rolle.

Neun tödliche Sturzunfälle haben sich 1997 innerhalb der Betriebsstätten der bei der BGN versicherten Betriebe ereignet. Vier Menschen kamen durch einen Treppensturz zu Tode, fünf Todesfälle gehen auf Sturzunfälle auf Fußböden zurück. In rund 8551 Fällen führten Stürze zu einer Arbeitsunfähigkeit von mehr als 3 Tagen. Stolper- und Sturzunfälle haben sich zu einer der häufigsten Unfallarten im Betrieb entwickelt. Sie werden mitverursacht durch:

  • erhöhte Rutschgefahr durch Feuchtigkeit und Produktreste
  • Schäden im Fußboden
  • zu unterschiedliche Rutschhemmung benachbarter Böden
  • achtlos abgestellte Gegenstände und herumliegende Schläuche
  • ungeeignetes Schuhwerk
  • Nichtbenutzen von Handläufen

Wie immer in der Prävention gilt auch hier: Es müssen geeignete technische, organisatorische und persönliche Maßnahmen ergriffen werden, um die Unfallgefahren zu reduzieren. Im Folgenden geht es vornehmlich um die technische Seite, nämlich die Planung von Fußböden, einschließlich der notwendigen Einbauten für die Entwässerung und Reinigung. Der Fußbodenbelag ist eine entscheidende Größe bei den Unterhaltungskosten einer Betriebsstätte. Die Art des Belags hat Einfluß auf dessen Reinigung, Wartung und Instandhaltung. Welches Anforderungsprofil muß ein Fußboden erfüllen, um den betrieblichen Erfordernissen zu genügen?

Moderne Industrieböden - Vielseitig belastbar

Böden bestehen aus einem tragenden Untergrund und einer Nutzschicht. Bei speziellen Konstruktionen können tragender Untergrund und Nutzschicht auch zusammenfallen. Der tragende Untergrund muß den statischen und konstruktiven Anforderungen der vorgesehenen Nutzung genügen. Die Nutzschicht ist die Oberfläche oder der oberflächennahe Bauteil der Bodenkonstruktion. Sie ist den Beanspruchungen durch Befahren, Begehen, Aufnehmen und Absetzen von Lasten, Lagern, Chemikalien usw. unmittelbar ausgesetzt. Sie wird deshalb auch als Verschleißschicht bezeichnet. Diese Schicht muß entsprechend den gegebenen Beanspruchungen ausgewählt werden, damit sich Verschleiß, Beschädigungen und damit Instandhaltungsmaßnahmen im Rahmen halten. Als Nutzschicht kommen z. B. keramische Fliesen und Platten, Natur- oder Betonwerksteinplatten, Bodenbeläge aus Holz, Estriche aus mineralischen Bestandteilen mit Zement als Bindemittel und gegebenenfalls Kunstharzzusätzen, Kunstharzbeschichtungen und Kunstharzestriche in Betracht.

Moderne Industrieböden - Eben und trocken

Die grundlegenden Sicherheitsanforderungen liegen auf der Hand und sind auch betriebswirtschaftlich klar. Ein Boden muß eben sein. Schon kleinste Unebenheiten können zur Stolperstelle werden. Als Stolperstelle gelten schon Höhenunterschiede von mehr als 4 mm. Ein ebener Boden ist auch die Voraussetzung für einen rüttelarmen Transport. Außerdem ist der ebene Boden leichter und effektiver zu reinigen, denn Flüssigkeiten können besser abfließen. Ein trockener Boden ist weniger rutschig. An den Stellen, wo Wasser anfällt, müssen Wasserabläufe in ausreichender Anzahl vorgesehen werden. Sie müssen so angeordnet werden, daß die Verkehrswege trocken bleiben. Beim Einbau von Wasserabläufen ist darauf zu achten, daß sie den gegebenen Belastungen standhalten, tritt- und kippsicher und bodengleich gestaltet werden. So können z. B. Stolperstellen durch verbogene Abdeckungen entstehen, wenn ein Gabelstapler häufig drüber fährt, die gewählte Rinne und Abdeckungsvariante aber nicht die erforderliche Belastungsklasse hat. Mechanische Belastungen werden durch ruhende Lasten und durch dynamische Beanspruchungen hervorgerufen. Fußgängerverkehr und der Transport mit Flurförderzeugen führen vor allem zu einer schleifenden, rollenden und reibenden Beanspruchung. Das Anfahren, Bremsen und Lenken von Fahrzeugen verursacht zusätzliche Scherbelastungen. Und je härter die Bereifung der Fahrzeuge ist, desto größer ist die punktuelle Belastung des Bodens. Eine weitere mechanische Belastung ist das Schleifen, Kollern und Absetzen von Gütern. Beim Absetzen von Gütern mit dem Gabelstapler ist die Schlag- und Stoßeinwirkung durch die Metallgabeln zu berücksichtigen. Hierbei spielt nicht nur das Gewicht, sondern auch die Art der Lagergeräte eine Rolle. Bei Gitterboxpaletten ist z. B. Schlag- und Stoßeinwirkung zu berücksichtigen, bei anderen Paletten eher nicht. An die Schlag- und Stoßeinwirkung muß auch dort gedacht werden, wo mit herabfallenden Lasten zu rechnen ist, also z. B. im Lager oder dort, wo schwere Formatteile an Maschinen gewechselt werden müssen.

Moderne Industrieböden - Chemikalienbeständig

Bei der Beständigkeit gegen Chemikalien wird nach Art, Dauer und Häufigkeit der Chemikalieneinwirkung unterschieden. Um eine geeignete Nutzschicht auswählen zu können, empfiehlt es sich, die beabsichtigten Chemikalien und Reinigungsmittel in ihrer jeweiligen Anwendungskonzentration aufzulisten und anhand der Produktinformationen mit der chemischen Belastbarkeit der Nutzschicht zu vergleichen. Zu speziellen Chemikalien sollte man sich die notwendigen Informationen beim Hersteller erfragen. Die Beständigkeit gegen Chemikalien läßt sich grob in drei Belastungskategorien einteilen (siehe Kasten S. 7). Nach sorgfältiger Analyse der mechanischen und chemischen Belastung kann durch entsprechende Auswahl der Nutzschicht gewährleistet werden, daß der Fußboden den in der Betriebspraxis zu erwartenden Belastungen und Beanspruchungen standhält - sofern durch die Art der Reinigung nicht zusätzliche Anforderungen zu stellen sind. Nun gilt es, durch eine geeignete Oberflächenstruktur eine ausreichende Trittsicherheit und leichte Reinigbarkeit sicherzustellen.

Moderne Industrieböden - Rutschhemmend

Um Sturz- und Stolperunfällle zu vermeiden, ist es zwingend erforderlich, daß Nutzschichten, die mit gleitfördernden Stoffen in Kontakt kommen, ausreichend rutschhemmend ausgeführt sind. Das gilt für Arbeitsräume, Arbeitsbereiche und Verkehrswege. Bei bestim mten gleitfördernden Stoffen wie z. B. Gemüse, Fleischresten, ölen und Fetten ist zusätzlich ein Verdrängungsraum unterhalb der Gehebene erforderlich. Die Rutschhemmung ist eine meßbare Größe. Ihr Grad wird durch die Bewertungsgruppen R9 bis R13 ausgedrückt. Je größer die Rutschgefahr, desto rutschhemmender muß der Belag sein und desto höher muß die Bewertungsgruppe gewählt werden. In Betrieben der Lebensmittel- und Getränkeindustrie werden je nach Rutschgefahr Nutzschichten der Bewertungsgruppen R9 bis R13 verlangt. Eine andere Größe ist der Verdrängungsraum. Er wird in die Klassen V4, V6, V8 und V10 eingeteilt. Die Zahl steht für das aufnehmbare Volumen in cm3 pro dm2 Fläche. Überschlägig kann gesagt werden: Je mehr gleitfördernder Stoff anfällt und je gröber er ist, desto höher muß die V-Klasse sein. Benachbarte Arbeitsbereiche, in denen Beschäftigte wechselseitig tätig sind, sollten Böden mit gleicher Rutschhemmung haben. Das gilt auch für Treppen, die Arbeitsbereiche verbinden. Bei Treppen empfiehlt sich zusätzlich, die Kanten gegen mechanische Beschädigung zu schützen. Sollten dennoch unterschiedliche Rutschhemmungen eingesetzt werden, dann müssen benachbarte Bewertungsgruppen eingesetzt werden, z. B. R11 und R12.

Moderne Industrieböden - Leicht zu reinigen

Ein wichtiges Kriterium bei der Wahl des Fußbodenbelags ist auch, daß er leicht zu reinigen sein muß. Zum einen sind die hohen Hygieneanforderungen in der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie zu nennen. Zum anderen bedeutet eine leichte Reinigbarkeit auch eine geringere Rutschgefahr, da Verschmutzungen leicht auch zwischendurch beseitigt werden können. Und schließlich wirkt es sich auch positiv auf die Betriebskosten aus, wenn der Fußboden leicht zu reinigen ist. Ob das so ist, hängt von vielen Faktoren ab. Anforderungen an die Reinigung stellen z. B. produktionsbedingte oder verschleppte Verschmutzungen. Besonders schwer zugängliche Bereiche sollten reinigungsfreundlich gestaltet werden. Diese Kriterien müssen bereits bei der Planung berücksichtigt werden, ebenso das Reinigungsverfahren und die Reinigungshäufigkeit. In Eingangsbereichen und Übergangsbereichen von intensiv verschmutzten zu eher sauberen Bereichen sollte geprüft werden, ob wirkungsvolle Schmutzschleusen eingebaut werden können. Das können Abstreifmatten, Gitterroste, aber auch Fußbecken sein. Kehlsockel und ein unprofilierter Bodenbelag im Wandbereich bis zu einem Abstand von 15 cm von den Wänden bewirken, daß dieser Bereich leichter zu reinigen ist. Unprofilierter Bodenbelag empfiehlt sich auch unter feststehenden Maschinen und Geräten. Im wesentlichen gibt es drei Verfahren, um Schmutz zu lösen und zu entfernen.

Moderne Industrieböden - Mechanische Reinigung

Reinigung mit Bürsten, Scheuerschwämmen und speziellen Fasermops, eventuell unterstützt durch Scheuersubstanzen im Reinigungsmittel oder durch Scheuerkörper in den Bürsten. Reinigung mit einer Reinigungsmaschine mit rotierenden Bürsten.

Moderne Industrieböden - Hydromechanische Reinigung

Reinigung mit Flüssigkeitsstrahler. Hier liegen der Nutzen und das Schaffen neuer Probleme oft eng beieinander, denn häufig wird mit viel zu hohem Druck gearbeitet. Dadurch werden Dreckpartikel und verwendete Chemikalien fein in der Luft verteilt. Das Einatmen dieser Nebel kann die Gesundheit gefährden. Außerdem können beim Reinigen mit Flüssig-keitsstrahlern die Fugen gefliester Böden beschädigt werden. Die Fugen müssen daher besonders ausgestaltet sein, wenn Beschädigungen durch die Reinigung vermieden werden sollen. Aber auch bei anderen Nutzschichten muß geklärt werden, ob sie hochdruckreinigbar sind.

Moderne Industrieböden - Chemische Reinigung

Einsatz entsprechender Wirksubstanzen und der Verschmutzungsart entsprechender Lösungsmittel. Für den Reinigungserfolg ist maßgeblich, daß der Schmutz vollständig vom Belag gelöst und entfernt wird. Häufig empfiehlt sich, verschiedene Reinigungsarten zu kombinieren. Beispielsweise folgt auf eine chemisch unterstützte Einweichzeit eine schonende mechanische Reinigung mit Bürste, Reinigungsmaschine oder Niederdruckflüssigkeitsstrahler. Ist eine häufige Reinigung mit Hochdruck- oder Niederdruckflüssigkeitsstrahler notwendig, wäre eine zentrale Reinigungsanlage eine überlegung wert. Druck und Reinigungsmittelkonzentration lassen sich wirtschaftlich einstellen. Die Wartung ist gegenüber vielen Einzelgeräten günstiger. Schläuche auf Trommeln sind jederzeit platzsparend dort verfügbar, wo man sie braucht. Und da sich solche Schläuche leicht wieder aufrollen, ist auch den Stolperunfällen vorgebeugt.

Moderne Industrieböden - Anforderungen an Industrie-Nutzböden

Nutzböden in Gewerbe und Industrie müssen verschiedenste Anforderungen erfüllen: Grundlegende Sicherheitsanforderungen

  • trittsicher
  • mechanische Belastbarkeit
  • beständig gegen Chemikalien
  • leicht zu reinigen

Eventuell zusätzliche Anforderungen:

  • elektrische Ableitfähigkeit
  • Rißüberbrückung
  • mit Dampfstrahl zu reinigen
  • dekontaminierbar
  • lösemittelfrei
  • günstiges Brandverhalten

Beanspruchungsgruppen für Industrieböden:

Beanspruchungsgruppe I: schwer
Diese Gruppe ist zu wählen, wenn Flurförderzeuge mit Stahl- oder Polyamidbereifung eingesetzt und/oder Güter mit Metallgabeln abgesetzt werden. Als Beispiel für eine schwere Beanspruchung gilt auch das Ziehen und Kollern von Metallteilen. Aber auch der Personenverkehr von mehr als 1000 Personen pro Tag erfordert einen Estrich der Gruppe I.
Beanspruchungsgruppe II: mittel
Für Estriche dieser Gruppe sollten Flurförderzeuge nur mit Urethan-Elastomer- (Vulkolan) oder Gummibereifung ausgerüstet sein. Das Schleifen und Kollern von Holz, Papierrollen und Kunststoffteilen wird vertragen. Diese Belastungsgruppe sollte auch ab einem Personenverkehr von mehr als 100 Personen pro Tag gewählt werden.
Beanspruchungsgruppe III: leicht
Diese Beanspruchungsgruppe ist geeignet, wenn Flurförderzeuge ausschließlich mit Elastik- oder Luftreifen ausgerüstet sind. Der Personenverkehr sollte bis etwa 100 Personen pro Tag betragen. Schleifen und Kollern von Gegenständen sollten möglichst vermieden werden.
Chemikalienbeständigkeit von Böden - Belastungskategorien
Hoch
Einwirkung von ölen und Fetten, höher konzentrierten anorganischen und organischen Säuren und Laugen sowie Lösemitteln von mehr als etwa zwei Stunden pro Arbeitstag
Mittel
Häufiges Auftreten von ölen, Fetten, anorganischen Säuren geringer Konzentration (bis ca. 10 %) und Laugen. Kurzzeitige Einwirkung (z. B. durch Verschütten) von Benzinen, Lösemitteln sowie organischen Säuren
Gering
Für anorganische und organische Säuren und Laugen nicht geeignet. Die häufige Einwirkung von ölen und Fetten wird vertragen. Benzine und Lösemittel dürfen nur kurzzeitig einwirken.
Eine Übersicht, welche Arbeitsbereiche und -räume welche Rutschhemmung und welchen Verdrängungsraum benötigen, enthält das "Merkblatt für Fußböden in Arbeitsräumen und Arbeitsbereichen mit Rutschgefahr" (ZH 1/571), zu beziehen über Carl Heymanns Verlag, Köln

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